03.05.2021 13:22

VDD-Bundeskongress 2021: Polit-Talk mit dem VDD-Präsidium Gesundheitspolitiker sehen dringenden Handlungsbedarf für die Neuordnung des Diätassistentenberufes

Kategorie: News

 

Die Ernährungstherapie in Deutschland befindet sich in einer paradoxen Situation: Auf der einen Seite spielen bei mehr als zwei Drittel der häufigsten Todesursachen ernährungsmitbedingte Krankheiten eine Rolle; auf der anderen Seite ist die Ernährungstherapie durch dafür ausgebildete Diätassistenten weder in Kliniken noch im ambulanten Bereich ausreichend vorhanden. Beim VDD-Bundeskongress vergangene Woche diskutierte das VDD-Präsidium mit namhaften Gesundheitspolitikern aus dem Bundestag, wie sich das ändern könnte und wie dafür auch der Beruf der Diätassistenten zu reformieren ist.

Eine harte politische Nuss bleibt zu knacken bei der Umsetzung der zugesagten und mittlerweile überfälligen Novellierung des Berufsgesetzes für Diätassistenten. Das zeigte sich bei der gesundheitspolitischen Diskussionsrunde des VDD beim Bundeskongress am vergangenen Freitag, die von rund 530 Teilnehmerinnen und Teilnehmern verfolgt wurde. Zentrale Themen:

Die Situation der Ernährungstherapie in Deutschland sowie die Novellierung des Berufsgesetzes der Diätassistenten.

Um den Zugang zur Ernährungstherapie ist es in Deutschland nicht gut bestellt: Einerseits, so VDD-Präsidentin Uta Köpcke, seien mindestens 7 der 10 häufigsten Todesursachen in Deutschland Krankheiten, die ernährungsbedingt sind oder / und die im Laufe der Therapie von einer ernährungstherapeutischen Betreuung profitieren. Andererseits sei die Ernährungstherapie und damit der Beruf der Diätassistenten weder im stationären noch im ambulanten Setting ausreichend verankert, die Finanzierung nicht gewährleistet. In Konsequenz erhalte die Mehrheit der Patienten zu spät, zu selten oder gar keine Ernährungstherapie durch speziell dafür ausgebildete Diätassistenten.

„Das führt zu schlechteren Krankheitsverläufen, geringerer Ansprechbarkeit auf Medikamente und höheren Komplikationsraten. Die Lebensqualität der Patienten ist somit erheblich beeinträchtigt, und natürlich liegen auch die Kosten deutlich höher“, so Köpcke weiter. Hier bedürfe es endlich struktureller Änderungen in Kliniken sowie in Bezug auf die Rückvergütung der ambulanten Ernährungstherapie. Aber auch die Novellierung des Berufsgesetzes sei längst überfällig, da dort Therapievorbehalt, eine adäquate Berufsbezeichnung und die zur Weiterentwicklung des Berufes notwendige Akademisierung verankert werden müsse.

Solange es für Diätassistenten keinen Therapievorbehalt gebe, seien sie für die Patienten in der Masse der Ernährungsberater nicht zu identifizieren. Dabei gelte für die Arbeit der Diätassistenten eine strenge Evidenz und wissenschaftliche Erkenntnisse.

Die geladenen Gesundheitspolitiker waren sich in vielen Punkten parteiübergreifend einig, u.a. dass es die bisherige Regierungskoalition aus CDU und SPD nicht geschafft habe, ein neues, überfälliges Berufsgesetz auf den Weg zu bringen. Dr. Roy Kühne (CDU) meinte selbstkritisch: „Das neue Berufsgesetz hätte schon längst kommen müssen.“ Das sei eine große Aufgabe für die nächste Legislaturperiode.

Bettina Müller (SPD) kritisierte die teilweise große Hierarchisierung im Gesundheitsbereich; in den Gesundheitsberufen könne man leider noch nicht auf Augenhöhe mit den Ärzten diskutieren.

 

Müller forderte, dass vor allem die Refinanzierung der Ernährungstherapie anders gestaltet werden müsste. Es gebe aber Hoffnung, dass die Ernährungsberatung/-therapie wie beim Disease Management-Programm (DMP) Diabetes auch beim geplanten DMP Adipositas als notwendig anerkannt werde. Ein Paradoxon sei allerdings, dass sich andere Gesundheitsberufe wie beispielsweise die Medizinischen Fachangestellten (MFA) weiterbilden können sollten, wo es doch bereits Experten dafür gebe, nämlich die Diätassistenten. „Wir müssen uns verstärkt für Ihre Berufsgruppe einsetzen“, sagte sie.

Dr. Achim Kessler (Die Linke) pflichtete bei, dass Gesundheitsfachberufe eine gleichrangige Rolle im Gesundheitssystem wie die Ärzteschaft bekommen müssten. Es bedürfe dringend eines Konzeptes zur Förderung des Public Health-Ansatzes. Er habe zudem mit Erschrecken feststellen müssen, dass nur ca. 5 Prozent der Krankenhäuser ein Ernährungsteam hätten. „Das ist dramatisch“, sagte Kessler. Er forderte zudem interprofessionelle Teams, die viel Geld sparen würden, weil dadurch der Einsatz von Medikamenten und Apparatemedizin verringert werden könne.

Was die multiprofessionellen Teams angeht, sagte Dr. Kirsten Kappert-Gonthen (Bündnis 90/ Grüne): Multiprofessionalität gelinge nur, wenn jede Profession die jeweilige Kernkompetenz der anderen Professionen anerkenne. Sie habe die Sorge, dass die spezielle Kompetenz einzelner Berufe untergehe. „Das darf nicht sein. Alles zu verschmelzen, bringt wenig“, so die Politikerin mit Bezug auf das Beispiel der generalisierten Pflegeausbildung. Zur Situation der Ernährungstherapie in den Krankenhäusern gebe es nach wie vor erhebliche Wissenslücken, diese Lücken seien schnellstmöglich zu schließen.

Grundsätzlich waren sich die vier Gesundheitspolitiker einig, dass es dringenden Handlungsbedarf in Sachen Entwicklung des Diätassistentenberufes gibt. Dr. Achim Kessler (Die Linke) schlug für die nächste Legislaturperiode eine Zusammenarbeit der hier beteiligten Gesundheitspolitiker und die Erarbeitung eines gemeinsamen parteiübergreifenden Positionspapiers vor.

VDD-Präsidentin Uta Köpcke versprach zum Abschluss der Diskussionsrunde, dass der VDD im engen Kontakt mit den Politikern bleiben und sie in die Pflicht nehmen werde.