Kooperation statt Konkurrenz

„Die Kooperation der unterschiedlichen Berufe dient dem Endverbraucher wie dem System.“ Davon ist Doris Steinkamp, Präsidentin des Verbandes der Diätassistenten – Deutscher Bundesverband e. V. (VDD), fest überzeugt. Und sie sieht die Politik in der Verantwortung zu handeln und die Rahmenbedingungen für mehr Kooperation zu verändern. Wo Handlungsbedarf ist und was bislang schon erreicht werden konnte, sagt die VDD-Präsidentin im Interview mit Dr. Beate Grossmann von der Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V. (BVPG).

Grossmann: Frau Steinkamp, auf dem VDD-Jahreskongress Ende April in Wolfsburg sprachen Sie sich deutlich für eine Kooperation der Gesundheitsberufe aus. Warum ist das so wichtig?

Steinkamp: In einer älter werdenden Gesellschaft sollten die Menschen gesund alt werden können. Dafür kann man eine ganze Menge tun. Beispielsweise um Übergewicht, Diabetes, Bluthochdruck und andere Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu vermeiden oder zu entschärfen. Diätassistenten haben das nötige medizinische und ernährungsbezogene Wissen, um solche Krankheiten verhindern zu helfen und vorbeugend zu beraten. Da ist es doch mehr als sinnvoll, wenn die Berufe Hand in Hand arbeiten. Wir sind überzeugt, dass eine adäquate Versorgung der Menschen nur gelingt, wenn die einzelnen Berufe des Gesundheitssystems mit ihrer je eigenen Spezifizierung wahrgenommen und wertgeschätzt werden.

Im Moment erleben wir eher das Gegenteil: Man bürdet der Pflege immer mehr Aufgaben auf. Das kann nicht gutgehen.

Grossmann: Würde sich eine bessere Kooperation der Berufe auch finanziell auswirken?

Steinkamp: Ja, auf jeden Fall. Je frühzeitiger Spezialisten in eine Behandlung hereingeholt werden, umso mehr Folgekosten lassen sich verhindern. Man spart Medikamente, wenn ein Patient durch eine Diabetesberatung gut eingestellt werden kann. Man spart auch Kosten, die im Zuge von weiteren, möglicherweise schwerwiegenderen Erkrankungen als Folge eines Diabetes - Nierenschäden, Fußprobleme, Blindheit etc. – anfallen.

Ein weiteres Beispiel mag das verdeutlichen: Onkologische Patienten sind sehr häufig mangelernährt. Sie werden aber ernährungsmäßig in der Regel nicht gescreent. Hier helfen ein Monitoring und eine folgende Ernährungsberatung und Diättherapie, diese Mangelernährung gezielt zu behandeln, damit die Menschen die Krebstherapie besser verkraften, ihre Lebensqualität verbessert wird und auch die Liegezeiten im Krankenhaus kürzer sind. Mangel- und Fehlernährung sind übrigens auch bei älteren Menschen ein großes Problem.

Ganz einfach: Wo Krankheiten und ihre Folgen verhindert werden können, profitieren die Menschen auf der ganzen Linie. Das heißt, die Kooperation der unterschiedlichen Berufe dient dem Endverbraucher wie dem System.

Grossmann: Wie kann denn eine Kooperation aussehen und gibt es solche Kooperationen bereits jetzt?

Steinkamp: Voraussetzung für erfolgreiche Kooperationen ist, dass sich die Gesundheitsberufe kennen und wertschätzen: Nur wer sich kennt, kann sich gegenseitig ins Boot holen und empfindet die Kooperation als Gewinn. Man muss nicht alles können, man sollte aber wissen, wen man heranholen kann.

Wir Diätassistenten arbeiten bereits mit Ernährungsmedizinern zusammen. Das zeigt sich in der engen Abstimmung und fachlichen Ergänzung beispielsweise in der Vor- und Nachsorge von bariatrischen Operationen (Adipositas-Operationen). Das zeigt sich beispielsweise auch beim gemeinsamen Projekt DOC WEIGHT zur Behandlung und Prävention von Adipositas und Übergewicht.

Wir sind überzeugt, dass beispielsweise viele Operationen vermieden werden könnten, wenn alle Gesundheitsberufe in der Prävention enger zusammenarbeiten würden.

Grossmann: Wird das politisch auch so gesehen?

Steinkamp: Das, was das Sachverständigengutachten der Bundesregierung schon 2007 gefordert hat, ist längst noch nicht umgesetzt, auch wenn die Berufsgruppen daran arbeiten: In diesem Gutachten sind Kooperation und Verantwortung als Voraussetzungen einer zielorientierten Gesundheitsversorgung definiert. Die damalige Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt hat es begrüßt, die Kompetenzen der nicht-ärztlichen Berufsgruppen zum Wohle der Patientinnen und Patienten stärker zu nutzen, zu einer besseren Arbeitsteilung zu kommen und Gesundheitsförderung und Prävention in den Mittelpunkt zu rücken. In der Realität sieht das aber leider anders aus.

Dabei fordern auch die Ärzte eine bessere Vernetzung und Kooperation, jüngst zum Beispiel der Präsident der Ärztekammer Nordrhein beim Ärztetag Mitte April in Düsseldorf. Er sagte, dass der steigende Versorgungsbedarf bei gleichzeitigem Fachkräftemangel nur durch Kooperationen und effektive Teams der verschiedenen Berufsgruppen zu bewältigen sei.

Grossmann: Wer profitiert denn von einer besseren Kooperation?

Steinkamp: In allererster Linie kommt das dem Endverbraucher zugute. Es ist unumstritten, dass frühzeitige Interventionen im Bereich Essen und Trinken Medikamenteneinnahmen verringern oder ganz vermeiden helfen. Wo präventiv und frühzeitig, beispielsweise bei der -Mangelernährung, Fachleute herangezogen werden, wird eine Therapie womöglich überflüssig. Diätassistenten beurteilen ernährungsbedingte Risiken einer Erkrankung richtig und auch den möglichen Behandlungsprozess.

Den Patienten bleiben viele unnötige Wege erspart, wenn sie gleich an der richtigen Adresse sind. Das Spezialistentum dient der Sicherheit der Verbraucher, weil sie nicht erst von Hinz zu Kunz laufen und womöglich bei selbst ernannten Ernährungs-Gurus landen.

Die einzelnen Berufe müssen aber ihre eigenen Stärken und Grenzen kennen und gut abgeben können: Eine Diätassistentin muss keinen Walking-Kurs leiten, das können andere besser.

Grossmann: Welchen Handlungsbedarf sehen Sie und wen sehen Sie in der Verantwortung dafür?

Steinkamp: Wir sehen ganz klar die Politik in der Verantwortung zu handeln und die Rahmenbedingungen zu verändern. Bislang ist da aber wenig geschehen. Das Diätassistentengesetz hat einen dringenden Modernisierungsbedarf. Die Forderung nach Anerkennung der Diättherapie als Heilmittel – obwohl vom Bundessozialgericht vor mehr als zehn Jahren so bezeichnet – ist immer noch nicht vom Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) entschieden worden. Von Patienten wird immer mehr Eigenverantwortung gefordert. Wie soll aber ein Patient diese Eigenverantwortung im Bereich Essen und Trinken in Bezug auf eine Krankheit übernehmen, wenn das System sich dieser Verantwortung nicht stellt und das dem freien Markt überlässt? Wie soll ein Patient eine Ernährungsberatung und Diättherapie ernst nehmen, wenn das System sie negiert und nicht als Heilmittel anerkennt?

Solange die Politik nichts tut, geraten viele in gutem Glauben möglicherweise an selbsternannte Ernährungsberater ohne geregelten Nachweis der Sachkunde und werden so Opfer einer untätigen Politik.

Handlungsbedarf sehe ich auch bei den beteiligten Berufsgruppen, sich weniger gegeneinander abzuschotten und aktiv miteinander zu kooperieren. Bislang haben sich die verschiedenen Bereiche im Gesundheitssystem, beispielsweise der ambulante und der stationäre Bereich, eher argwöhnisch als Konkurrenz betrachtet. Wir Diätassistenten halten mehr von Kooperation denn von Konkurrenz. Ich glaube, damit würden alle besser fahren - am meisten aber die Patienten.

Grossmann: Vielen Dank für das Gespräch!