Patientensicherheit zählt nicht!

G-BA lehnte heute Ernährungstherapie als Heilmittel ab.

Was lange währt, wird offenbar noch lange nicht gut: 15 Jahre hat der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) gebraucht, um die Entscheidung des Bundessozialgerichtes umzusetzen und die Ernährungsberatung als Heilmittel inhaltlich zu prüfen. Bitter das Ergebnis: Der G-BA kam zwar zu dem Schluss, dass bei angeborenen Stoffwechselstörungen (z.B. Phenylketonurie) und Mukoviszidose eine Ernährungsberatung medizinisch notwendig ist. Doch aus der Aufnahme der Ernährungsberatung in die Heilmittelrichtlinie wurde bei der heutigen Sitzung trotzdem nichts. Sie scheiterte am Widerstand von Ärzteschaft und Krankenkassen. Sachverstand und Patientenwohl finden offenbar dort Grenzen, wo es um spezielle Interessen geht. Eine große Gefahr für die Patientensicherheit, denn die adäquate Versorgung ist künftig nicht sichergestellt!

Wer eine seltene angeborene Stoffwechselerkrankung wie PKU hat oder an Mukoviszidose erkrankt ist, ist auf eine lebenswichtige Ernährungsberatung und Diättherapie angewiesen. Die kann Patienten bislang jedoch nicht als krankenkassenfinanziertes Heilmittel verordnet werden, obwohl ihre medizinische Notwendigkeit und ihre Wirksamkeit erwiesen sind. Die Patientenvertreter im zuständigen Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) hatten deshalb beantragt, die ambulante Ernährungsberatung bei angeborenen seltenen Stoffwechselerkrankungen und Mukoviszidose in die Heilmittelrichtlinie aufzunehmen.

Bei der Anhörung bestätigten alle Experten die medizinische Notwendigkeit der Ernährungsberatung. Die große Mehrheit der Fachleute sprach sich auch klar für eine verordnungsfähige Ernährungsberatung aus. So stellt beispielsweise die Arbeitsgemeinschaft für angeborene Stoffwechselstörungen in der Inneren Medizin (ASIM e. V.) fest: Bei Nichtänderung der Heilmittel-Richtlinie droht eine Festschreibung des offensichtlichen Versorgungsmangels. Die diätetische Behandlung stellt bei vielen seltenen angeborenen Stoffwechselerkrankungen die alleinige oder maßgebliche medizinische Maßnahme ohne Alternative dar. Sonst kommt es zu schweren geistigen oder körperlichen Beeinträchtigungen und/oder zum Tod der betroffenen Patienten.

Trotzdem wurde in der heutigen Sitzung die Aufnahme der Ernährungsberatung in die Heilmittelrichtlinie abgelehnt. Dabei stimmten die drei unparteiischen Mitglieder des G-BA eindeutig für den Antrag der Patientenvertreter und die Aufnahme der Ernährungsberatung in die Heilmittelrichtlinie. Doch sie wurden von der kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) und dem Spitzenverband der Krankenkassen (GKV/SV) überstimmt.

Mit großer Enttäuschung und Ernüchterung hat der Verband der Diätassistenten – Deutscher Bundesverband e. V. (VDD) diese Entscheidung zur Kenntnis genommen. „Der Beschluss des G-BA ist in unseren Augen nicht zu begründen und nicht nachvollziehbar“, kritisieren VDD-Präsidentin Ina Lauer und Doris Steinkamp, VDD-Beauftragte für das Heilmittel Ernährungsberatung. „Leidtragende sind die Patienten, die nicht adäquat mit einer lebenswichtigen Ernährungstherapie versorgt werden können“.

1 Fakt ist, dass Patienten mit seltenen Stoffwechselerkrankungen und Mukoviszidose dank des medizinischen Fortschritts und der geeigneten Ernährungstherapie  immer älter werden können. Der Anteil Erwachsener wächst bei Patienten mit angeborenen Stoffwechselstörungen. Darauf ist das Gesundheitssystem nicht eingerichtet. Es gibt viel zu wenig spezialisierte Ernährungsberatung. Ärzte sind nicht dafür ausgebildet. Die Bedarfe nach wohn- und arbeitsortnaher Therapie und Ernährungsberatung steigen aber rapide!

2 Fakt ist auch, dass die Patienten bisher nur in wenigen spezialisierten Zentren angemessen betreut werden. Diese befinden sich vorwiegend in den Ballungsgebieten, Patienten im ländlichen Raum und fernab von Großstädten finden deutlich schlechtere Bedingungen vor bzw. haben weite Anfahrtswege. Da in der gewöhnlichen Versorgung durch niedergelassene Vertragsärzte – so die Sachverständigen – derzeit überhaupt keine Ernährungsberatung stattfindet, würden diese Patienten von einer ambulanten Ernährungsberatung auf Rezept durch Diätassistenten vor Ort am meisten profitieren.

3 Auch die in Spezialzentren versorgten Patienten hätten einen großen Nutzen gehabt, wenn die Ernährungsberatung als Heilmittel aufgenommen worden wäre. Diese Zentren bestreiten ihre Finanzierung zum großen Teil aus Drittmitteln; somit ist selbst dort die Ernährungsberatung finanziell nicht gesichert. Bei Einordnung als Heilmittel hätten auch sie die Ernährungsberatung auf Rechnung der Krankenkassen erbringen können.

Für den Verband der Diätassistenten bleibt nach dem heutigen Beschluss vollkommen offen, wie eine notwendige und adäquate Ernährungsberatung bei zunehmender Lebenserwartung der Patienten künftig sichergestellt werden kann. Ohne Möglichkeit der Verordnung von Ernährungsberatung als Heilmittel werden die bisherigen Versorgungslücken von Patienten mit Mukoviszidose und angeborenen Stoffwechselerkrankungen auf Dauer manifestiert. Ein hoher Qualitätsstandard der Beratung wird nicht gesichert.

Es kann und darf auch nicht sein, dass Patienten mit einer lebensbedrohenden und lebensverkürzenden Krankheit eine spezielle ambulante Ernährungsberatung nur auf eigene Kosten als sog. IgEL-Leistung erhalten – obwohl auch der G-BA die Notwendigkeit sowie den Nutzen anerkennt.
 
Warum ignorieren die am G-BA beteiligten Gremien die Stellungnahmen von Patientenvertretern und der großen Mehrheit der Experten so offenkundig? Und was hat diese Gremien letzten Endes veranlasst, die ambulante Ernährungsberatung selbst in diesen konkreten Fällen erneut als Heilmittel abzulehnen?

Aufgrund des heutigen Tages ist nur eine Schlussfolgerung plausibel: Patientenwohl und Patientensicherheit wurden auf dem Altar von Partikularinteressen geopfert. Die eindeutige Schieflage des Gesundheitssystems wurde dadurch fest zementiert.

Text: 5.963 Zeichen, 723 Wörter, Abdruck erwünscht, Beleg erbeten


Hintergrundinformationen:
Der Verband der Diätassistenten - Deutscher Bundesverband e.V. vertritt seit 1957 als berufsständische Organisation ausschließlich die beruflichen, berufspolitischen und sozialen Interessen der Diätassistenten.

Der Beruf der Diätassistenten ist der einzige vom Gesetzgeber in Deutschland bundesrechtlich geregelte Heilberuf auf dem Gebiet der menschlichen Ernährung. Diätassistenten sind staatlich geprüft und insbesondere in den  Berufsfeldern (angewandter) Ernährungswissenschaften und Diätetik ausgebildet. Diätassistenten sind Fachansprechpartner für die Ernährungsprävention und Ernährungstherapie und arbeiten eigenverantwortlich auf ärztliche Anordnung.

Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) ist das oberste Beschlussgremium der gemeinsamen Selbstverwaltung der Ärzte, Krankenhäuser und Krankenkassen in Deutschland. Er bestimmt den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen (GKV) und legt anhand von Richtlinien fest, welche Leistungen von der GKV erstattet werden.

Die Diättherapie und Ernährungsberatung wurde vom Bundessozialgericht im Jahre 2000 in einem Grundsatzurteil als Heilmittel anerkannt. Das Gericht hat den G-BA darin aufgefordert, die Aufnahme der Ernährungsberatung als verordnungsfähiges Heilmittel in den Leistungskatalog zu prüfen. Diese Prüfung hat jetzt 14 Jahre in Anspruch genommen und endet wie damals, mit einer Ablehnung!

Kontakt für die Presse:
Geschäftsstelle VDD Essen | Ina Lauer, Präsidentin des VDD | Telefon 0201-946 853 70, mobil 0152-318 033 83