Kongress mit bester Resonanz

„Vorsprung durch Wissen“. Unter diesem Motto stand der diesjährige Bundeskongress des Verbandes der Diätassistenten – Deutscher Bundesverband (VDD) in der vergangenen Woche in Wolfsburg. Knapp 1.500 Diätassistenten und Ernährungsmediziner kamen und bestätigten mit dieser sehr guten Resonanz – trotz Bahnstreik und Verkehrschaos – den Stellenwert des Fachkongresses. Die begleitende Industrieausstellung bot mit mehr als 70 Ausstellern ebenfalls ein hochkarätiges Programm.

Drei Tage lang (vom 7. bis 9. Mai) war der CongressPark in Wolfsburg Treffpunkt der Diätassistenten und Ernährungsmediziner aus ganz Deutschland. Denn gleichzeitig mit dem VDD führte auch der Bundesverband der Ernährungsmediziner (BDEM) seine Jahrestagung durch. Kooperationspartner waren zudem die Deutsche Gesellschaft für Ernährungsmedizin e.V. (DGEM) sowie der europäische Dachverband European Federation of the Associations of Dietitians (EFAD). Einig waren sich die Eröffnungsredner VDD-Präsidentin Ina Lauer, BDEM-Präsident Professor Johannes Wechsler und Professor Mathias Plauth (Präsident der DGEM) in der Einschätzung, dass die Stellung von Diätassistenten und Ernährungsmedizin dringend verbessert werden müsse. „Die Rahmenbedingungen müssen stimmen“, sagte Lauer. Ernährungsmedizin sei ein „Mannschaftssport“, hob Plauth die Teamarbeit heraus. Und mit der Akademisierung der Diätassistenten sei ein ganz wichtiger Schritt zur weiteren Professionalisierung gelungen.  


Sicheres Zeichen für Qualität

Was schon die Teilnehmer der Konferenz demonstrierten, spiegelte sich auch in einem außerordentlich anspruchsvollen Fachprogramm, das bereits am Vortag des eigentlichen Kongresses mit zwei Vorsymposien zu den Schwerpunktthemen "Senioren in der Gemeinschaftsverpflegung" und"Fettstoffwechselstörungen" startete. Seit geraumer Zeit veranstaltet der VDD diesen Auftakt, der auch diesmal mit rund 400 Teilnehmern auf viel Zuspruch stieß.

Traditionell findet am Vorabend des eigentlichen Kongresses auch die VDD-Mitgliederversammlung statt: Mehr als 170 Mitglieder debattierten engagiert und eindringlich die anstehenden Satzungsänderungen, für die sich der Verband nach der bereits begonnenen Neustrukturierung mit Referaten und Fachgruppen ausreichend Zeit nehmen will. Breiten Raum nahmen auch die Informationen zum Stand des Heilmittels von Rechtsanwalt Dr. Markus Plantholz aus Hamburg ein, der die Hintergründe des Verfahrens und mögliche Strategien des VDD erläuterte. Derzeit prüft das Bundesgesundheitsministerium (BMG) die Entscheidung des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA), die ambulante Ernährungsberatung bei Mukoviszidose und angeborenen Stoffwechselerkrankungen trotz Evidenz nicht in die Heilmittelrichtlinie aufzunehmen.


Gesundheitswesen im Blickpunkt

Wie gesundheitspolitische Entscheidungen einzuordnen sind und wer welche Rolle im Gesundheitswesen einnimmt, war denn auch folgerichtig Thema einer zweigeteilten Session mit Podiumsdiskussion. Wie müssen sich Diätassistenten und Ernährungsmediziner aufstellen, um im Zeitalter der Evidenzbasierten Medizin die Ernährungsmedizin und Ernährungstherapie zu etablieren? Das scheint nicht einfach zu sein und stößt derzeit an viele Ecken, zeigte sich in einer lebhaften Diskussion. „Wir kommen nicht voran, wenn ich bedenke, dass in Deutschland weniger als 1 Prozent der adipösen Kinder ernährungsmedizinisch adäquat behandelt werden können“, sagte Dr. Thomas Kauth, Ernährungsmediziner und Kinderarzt.

Dr. Alric Rüther vom Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG) hob den Nutzen der evidenzbasierten Medizin hervor. Sie liefere Methoden und Werkzeuge, den Wissenschaftsberg zu bewältigen und einzusetzen. Damit ließen sich aktuelle wissenschaftliche Ergebnisse in die therapeutische Entscheidung integrieren, ohne die Bedürfnisse des Patienten oder die Erfahrung der Therapeuten zu verdrängen.

Im Verlauf der Diskussion merkten sowohl Diätassistenten als auch Ernährungsmediziner kritisch an, dass Studien, die die Evidenz der Ernährungstherapie zeigen, bisher nicht ausreichend berücksichtigt werden bzw. nicht forciert werden. Das Thema Evidenzbasierung zog sich als roter Faden durch den Kongress. Es wurde mehrfach betont, wie wichtig es ist, evidenzbasierte Daten für die Ernährungstherapie zu schaffen und zu kennen.  Aber Evidenzbasierung in der Medizin und Diätetik heißt mehr als nur Leitlinien. Erfahrungen von Diätassistenten und Medizinern sowie der Patientenwille müssen dazu kommen und Berücksichtigung finden. Antje Schröder, Diätassistentin und Diabetesberaterin, brachte es in ihrem Vortrag auf den Punkt: Evidenzbasierte Leitlinien werden für Indikationen gemacht, Diätassistenten arbeiten mit Menschen.

Der Knoten ist nicht leicht durchzuschlagen. Einblick in die politischen Entscheidungsstrukturen gab der gesundheitspolitische Berichterstatter der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag Dr. Roy Kühne. Danach braucht die Politik verlässliche wissenschaftliche Daten und auch verlässliche Gesprächspartner. Sowohl er wie auch Dr. Rüther warnten vor einer Konfrontation und plädierten für einen konstruktiven Dialog. Dr. Kühne wörtlich: „Ich halte viel vom Miteinander, nichts vom Gegeneinander und wenig vom Nebeneinander.“

Vorgeschlagen wurde auch, den Kontakt zu anderen Verbänden wie z. B. den Psychotherapeuten aufzunehmen bzw. zu intensivieren, um eigene Modellvorhaben auf den Weg zu bringen. Auch von den in den Niederlanden erfolgreich durchgeführten Modellstudien könnten die Diätassistenten hierzulande profitieren.


Kampf der Mangelernährung

Die Kongressteilnehmer diskutierten weitere hochaktuelle Themen, beispielsweise die Schulungsprogramme in der Ernährungsberatung von chronisch kranken Kindern und Jugendlichen. Heißes Eisen ist auch die Mangelernährung, die sich bei Risikopatienten zu einem gravierenden Problem auswächst. In Deutschland wird das flächendeckende Screening mittels Nutritional Risk Score (NRS) 2002 bisher nicht regelhaft umgesetzt. Dabei ist nachgewiesen, dass es ein geeignetes Instrument ist, mit dem Risikopatienten für Komplikationen und verlängerte Krankenhausverweildauer identifiziert werden können. Die Prävalenz dieser Patienten für Mangelernährung von 20 bis 50 Prozent könnte deutlich verringert werden.

Den Kampf gegen die Mangelernährung, die Etablierung der Ernährungsscreenings in allen Ländern Europas und die Sensibilisierung der Öffentlichkeit dafür hat sich auch das europäische ENHA-Projekt (European Nutrition für Health Alliance) auf die Fahnen geschrieben. Diätassistentin Nicole Erickson arbeitet für den VDD in diesem Netzwerk mit: Sie hob hervor, dass sich gerade Diätassistenten an der Schnittstelle zwischen Medizin, Pflege, Küche und Apotheke befinden und schon mit wenigen Tipps aus der Praxis viel erreichen könnten.

In weiteren Symposien ging es um den Erfolg bestimmter Gewichtsreduktionsprogramme (Bodymed, M.O.B.I.L.I.S., Optifast-52 und DocWeight). Mit den Wechselwirkungen zwischen Arzneimitteln und Nahrungsmitteln sowie bestimmten Darmerkrankungen (Kurzdarmsyndrom, Morbus Crohn und Colitis ulcerosa) beschäftigte sich ein anderes Forum. Auf den neuesten Stand brachten die VDDler sich auch in Sachen VDD-Leitlinien, German Nutrition Care Process (G-NCP) sowie Leitfaden Ernährungstherapie in Klinik und Praxis (LEKuP 2015, ehemals Rationalisierungsschema). Diabetes, Prävention, Bariatrische Chirurgie, Rehabilitation und Public Health Nutrition: Die Bandbreite der Themen war immens, so dass die Teilnehmer mit vielen neuen Informationen im Gepäck gut gerüstet sind.

 




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