Patienten sicher und adäquat versorgen

Aufgabe für Verbände, Krankenkassen und Politik

Der Verband der Diätassistenten – Deutscher Bundesverband (VDD) hat sich seit Jahren die Verbesserung der Patientensicherheit auf die Fahnen geschrieben. Auch in punkto Ernährung ist da noch eine Menge zu tun.

Wer im Gesundheitswesen etwas bewegen will, muss dessen Strukturen kennen. Und sich mit allen an einen Tisch setzen. Nur so erhält die Politik eine tragfähige Entscheidungsgrundlage. Das stellte der VDD bei einem gesundheitspolitischen Symposium während des Jahreskongresses in Wolfsburg fest. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie sich Diätassistenten und Ernährungsmediziner aufstellen müssen, um im Zeitalter der Evidenzbasierten Medizin die Ernährungsmedizin und Ernährungstherapie zu etablieren? 

Konkret geht es um die Evidenz der Ernährungsberatung. Diätassistenten und Ernährungsmediziner suchen nach Möglichkeiten, die Patientensicherheit in punkto Ernährung dauerhaft zu stärken. Die Bewertung der Methode Ernährungsberatung ist so einfach nicht, auch wenn die Wirksamkeit wissenschaftlich belegt ist. Im Ringen um die beste Lösung ist jedoch Kooperation statt Konfrontation gefragt.

Diätassistenten haben Expertise ausgebaut

Die Diätassistenten haben in den vergangenen Jahren viel getan, ihre Kompetenzen zu stärken und ihr Profil zu schärfen, sagte VDD-Vizepräsidentin Sabine Ohlrich. Studiengänge sind etabliert, das professionelle Handeln ist vorangetrieben, das prozessgeleitete Handeln, Stichwort German Nutrition Care Process (G-NCP), ist in Form von neuen VDD-Leitlinien verankert worden. Jetzt sieht der Verband auch die anderen Akteure in der Pflicht. 

Knackpunkt ist aber nach wie vor die Evidenz der ernährungsmedizinischen Behandlung, die von den relevanten Gremien (Gemeinsamer Bundesausschuss G-BA, Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen IQWIG, Politik) gefordert wird, aber z. T. noch nicht ausreichend vorhanden ist. In diesem Dialogprozess kritisieren Diätassistenten und Ernährungsmediziner, dass Studien, die die Evidenz der Ernährungstherapie zeigen, bisher nicht ausreichend berücksichtigt werden bzw. nicht forciert werden. So gibt es beispielsweise in den Niederlanden sehr positive Ergebnisse, wonach nicht nur Patienten gesünder werden, sondern auch Folgekosten verringert werden und so das gesamte Gesundheitssystem profitiert. Sie haben letztlich dazu geführt, dass Patienten dort ein Anrecht auf eine Regelversorgung mit 3 Stunden Ernährungsberatung im Jahr haben, so Marleen Meteling-Eeken, wissenschaftliche Mitarbeiterin des VDD.  

Politik braucht Entscheidungsgrundlage

Der gesundheitspolitische Berichterstatter der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag Dr. Roy Kühne kennt den Ablauf politischer Entscheidungsprozesse: Die Politik braucht danach verlässliche wissenschaftliche Daten, die wiederholbar sein müssen, um nicht willkürlich zu werden. Dass die wissenschaftlichen Erkenntnisse in vielen Fällen schneller sind als die Entscheidungsgremien, ist unvermeidbar. Zudem müssen verlässliche Gesprächspartner in der politischen Debatte möglichst mit einer Stimme sprechen. Kühne warnte vor Schuldzuweisungen und plädierte für einen konstruktiven Dialog: „Ich halte viel vom Miteinander, nichts vom Gegeneinander und wenig vom Nebeneinander.“ Schließlich ginge es Ärzten, Krankenkassen, Diätassistenten und Medizinern doch um den Patienten. 

Unstrittig ist, dass man gewisse evidenzbasierte Daten für die Ernährungsberatung braucht. Die bisher gewählten multimodalen Ansätze sind zwar in der Lage, Krankheiten zu lindern und Komorbiditäten zu senken, den Entscheidungsgremien fehlt es jedoch an Möglichkeiten zu einer sauberen Einzelbeurteilung der Methode. Aber Evidenzbasierung in der Medizin und Diätetik heißt mehr als nur Leitlinien, so VDD-Vizepräsidentin Sabine Ohlrich. Erfahrungen von Diätassistenten und Medizinern sowie der Patientenwille müssen dazu kommen und Berücksichtigung finden. Diese evidenzbasierte Ernährungsberatung gehört bereits zum Alltag der Diätassistenten, wie die Kölner Diätassistentin Antje Schröder am praktischen Beispiel bei Gestationsdiabetes belegte: „Gute patientenorientierte Qualität ist ohne evidenzbasiertes Vorgehen nicht machbar.“ 

Hintergrundinformationen

Es gibt ein Defizit an fachgerechter Ernährungsberatung

Manche Krankheiten stehen in einem direkten Zusammenhang mit einer falschen Ernährung und können zum Tod führen, wenn nicht die richtige Diät eingehalten wird (z. B. angeborene Stoffwechselerkrankungen). Immer mehr Krankheiten sind zudem ernährungsassoziiert und ziehen Folgekrankheiten nach sich. Die Lage ist für viele Patienten mehr als misslich, denn es gibt ein Defizit an fachgerechter Ernährungsberatung in Deutschland. „Wir kommen seit mehr als zehn Jahren nicht voran. Beispielsweise kann in Deutschland nicht einmal 1 Prozent der adipösen Kinder leitliniengerecht behandelt werden“, sagte Dr. Thomas Kauth, Ernährungsmediziner und Kinderarzt in Wolfsburg. Er muss es wissen: Bundesweit gibt es nur vier Kinderarztpraxen, die auch ernährungsmedizinisch tätig sind. 

„Ernährungsmediziner sind dabei zwingend auf die Diätassistenten angewiesen“ hoben die Ernährungsmediziner Dr. Jürgen Herbers und Prof. Johannes Wechsler, Präsident des Bundesverbandes BDEM, hervor. Die derzeitige Gesetzeslage ermögliche es jedoch nicht, Patienten ihr Anrecht auf eine adäquate Ernährungsberatung uneingeschränkt zu gewähren. Das führe zu einer Diskriminierung bestimmter Patienten und zu einem Vorrang einer Pharmakotherapie vor der nicht-medikamentösen Ernährungsberatung, meinen die Ernährungsmediziner. Und das, obwohl Mediziner gehalten sind, zunächst alle anderen Mittel auszuschöpfen, bevor Medikamente verordnet werden. 

Eine ambulante Ernährungsberatung würde helfen, Folge- und Begleiterkrankungen wie Diabetes, Herz-Kreislauferkrankungen, Stoffwechselkrankheiten u.v.m. zu mildern oder zu verhindern. Die Krankenkassen können Kosten jedoch nur sehr begrenzt im Rahmen von freiwilligen Zusatzleistungen übernehmen. Die regelhafte Erstattung ist nicht verankert; derzeit müssen Patienten für eine Behandlung meist selbst aufkommen. 

Dass sich die Gesetzeslage verändern muss, mahnt der Verband der Diätassistenten – Deutscher Bundesverband (VDD) in Zusammenarbeit mit dem Bundesverband der Ernährungsmediziner (BDEM) schon seit Langem an. 


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